„Ich weiß nicht, wie ich das überleben soll“

Vechtaer Flüchtling Abdul Malik soll nach Italien abgeschoben werden – dort hat er Angst zu verhungern

Der Weg in die Hoffnungslosigkeit ist holperig. Er endet an einem Zaun, zwischen Feldern, mit Blick auf Müllcontainer, auf die Rückseiten blechverschalter Fertigungshallen. Er endet in Spreda-Langförden, einem Stadtteil von Vechta im Westen Niedersachsens. Hier wohnen sie, die Hoffnungslosen – in einem weißen Bungalow mit 70er Jahre Charme. Sie heißen Khadir und Abdirham, Rabeh und Mutasim, Abdallah und Abdul. Sie erzählen Geschichten von Flucht und Vertreibung, von Einpferchung und Trostlosigkeit, von Verzweiflung, Verlust und Verlassensein, Geschichten, die für mehr als drei, vier, fünf Leben reichen.

Sechs Flüchtlinge auf 60 Quadratmetern, zwei Männer in jedem Zimmer, kleine Küche, kleines Bad, kleiner Gemeinschaftsraum – und dennoch, sagt Abdul Malik, „alles perfekt“. Deutschland ist das siebte Land, das ihn beherbergt, ihn, den 27-jährigen Afrikaner von der Elfenbeinküste. Das Land, das – nach Startschwierigkeiten – am freundlichsten mit ihm umgeht, das ihm ein Bett stellt, ein Dach über dem Kopf, Lebensmittel, ein wenig Geld. Offenbar mehr als ein Flüchtling erwarten darf in der Europäischen Union, wie diese Geschichte zeigen wird.

„Lieber gehe ich zurück nach Afrika“

„Alles perfekt“ und doch ist die Verzweiflung groß. Denn seit Mitte März weiß Abdul Malik: Er muss zurück. Zurück nach Italien, dem Land, in dem er nach seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg in Libyen, nach einer dreitägigen Fahrt über das Mittelmeer, ohne Essen, ohne Trinken, zusammengepfercht mit 350 anderen Flüchtlingen auf einem viel zu kleinen Boot, europäischen Boden betrat. Denn so will es Dublin II, jene Verordnung, die EU-weit regelt, wer für das Asylgesuch eines Flüchtlings zuständig ist. Seine wichtigste Bestimmung: Im Grundsatz ist es jener Staat, in dem der Flüchtling nachweislich zuerst eingereist ist. Im Falle Abduls also Italien. Denn dort hat er seine Fingerabdrücke hinterlassen, irgendwelche unverständlichen Papiere unterschrieben, übermüdet, ausgehungert und ausgetrocknet nach der dreitägigen Überfahrt.

Nun soll er also zurück in den Süden. „Ich weiß nicht, wie ich das überleben soll. Lieber gehe ich zurück nach Afrika. Ich würde so gerne in Deutschland bleibe. Aber was soll ich machen?“ In Abduls Worten klingen Angst und Resignation. Ein Häufchen Elend, dieser schwarze Mann, der da in Sweatjacke und dunkler Hose auf einem geblümten, verblichenen Sofa sitzt.

Wer genauer verstehen will, warum einer so verzweifelt ist, wenn er nach Italien muss – dem Land, das uns Deutschen bekannt ist für seinen Wein, sein süßes Leben, seine Sehenswürdigkeiten, seine Meere – muss mehr erfahren über die lange Reise des Abdul Malik.

Am 25. Mai 2011 landet er nach lebensgefährlicher Überfahrt auf Lampedusa, wird von dort nach La Spezia gebracht, im Nordwesten Italiens: knapp 100.000 Einwohner, ein Hafenstädtchen, idyllisch gelegen zwischen See und Bergen. Dort, am Rande der Stadt, wird er monatelang fast wie ein Gefangener gehalten, bewacht von einem Sicherheitsdienst, untergebracht in einer Notunterkunft in Vierbett-Zimmern, ohne Kontakte zur Außenwelt, ohne Arbeit, ohne Ablenkung, ohne Privatsphäre.

„Da war sehr viel Wachpersonal, wir wurden nicht aus den Augen gelassen. Wir hatten keine Chance, etwas zu tun. Wir wollten fliehen, wurden aber wieder aufgegriffen, zurück gebracht. Danach haben sie uns Jobs und Hilfe versprochen. Aber nichts“, erzählt Abdul, schaut zu Boden, knetet seine Finger. Sie – das sind die Mitarbeiter einer Firma, der der italienische Staat Geld für die Betreuung der Flüchtlinge gibt. Denn er selbst ist überfordert mit der Masse an Afrikanern, die zu Tausenden als Flüchtlinge oft mit letzter Kraft dort stranden oder aus dem Wasser gezogen werden.

Nach 19 Monaten ist es mit der „Fürsorge“ durch die Firma für Abdul vorbei. Italien hat den Vertrag mit dem Sicherheitsunternehmen aufgekündigt. Abdul und die anderen Flüchtlinge müssen ihre Behausung räumen, werden auf die Straße gesetzt. Mit 300 Euro in der Tasche und einem offiziellen Dokument in der Hand, mit dem sie reisen können, wohin sie wollen.

„Da wird sehenden Auges in Kauf genommen, dass konkrete Menschenleben zerstört werden“

Vier Tage lebt Abdul auf der Straße, ehe er sich mit zwei Leidensgenossen entschließt, nach Schweden zu reisen. Da sei es besser, da gebe es Jobs, sagt einer, das Flugticket ist erschwinglich. Und so fliegen sie. Nach Stockholm, im Januar 2013. Laufen zur erstbesten Polizeiwache, weil sie nicht wissen, wohin sonst. Man schickt sie zu einer Aufnahmestelle für Migranten und nach sechs Monaten zurück nach Italien. Wieder La Spezia. Wegen Dublin II.

Drei Monate bleibt Abdul in der italienischen Hafenstadt, bittet die Kommune, die Caritas um Hilfe, einmal, zweimal, dreimal. Doch keiner hilft. Abdul schläft auf der Straße, in der Bahn, im Bahnhof, bettelt um Essen, um Geld. Eine deutsche Touristin steckt ihm mehrfach fünf Euro zu – und am Ende ihres Urlaubs ein Zugticket nach Dortmund.

So landet Abdul Malik nach 28 Monaten auf der Flucht schließlich in Deutschland, zunächst im Ruhrpott, dann in einem Erstaufnahmelager in Braunschweig und am 29. Oktober 2013 in Vechta.

Hier begegnet er erstmals Menschen, die sich für ihn interessieren, die etwas mit ihm zu tun haben wollen, die seine Lebens- und Leidensgeschichte hören wollen. Menschen wie Bernd Winter, jenem Monsignore des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta, der sich der Flüchtlinge unbürokratisch annimmt. Menschen wie der Familie Kühling, die dank des Engagements des Kirchenmannes zu einem Unterstützerkreis für die Flüchtlinge dazu gestoßen und eine Art Ersatzfamilie für Abdul geworden ist. Die Kühlings, sie feiern mit ihm Karneval, nehmen ihn mit zum Bowlen, ins Kino, laden ihn zu sich nach Hause, organisieren ihm zwei Fußballvereine, bei denen er nun dienstags und freitags trainiert, geben ihm menschliche Gemeinschaft und wenigstens ein bisschen Struktur in diesem hoffnungslosen Leben mit seinen viel zu langen Tagen und Nächten.

Das alles soll er nun wieder eintauschen gegen Italien, gegen ein Land, das sich in keiner Weise für ihn verantwortlich fühlt. Deshalb hat Bernd Winter ihm einen Anwalt organisiert, hat dafür gesorgt, dass Abdul gegen die Abschiebung klagen kann. Ohne Erfolg. Am 19. Februar urteilt das Verwaltungsgericht Oldenburg: Die Klage ist abgewiesen, der Flüchtling abzuschieben. Begründung sinngemäß: Es gebe keine gravierenden Gründe, die gegen eine Abschiebung sprächen, das EU-Recht sehe schließlich nicht zwingend vor, dass jeder Flüchtling mit einem Obdach versorgt werden müsse. Obendrein halte man Herrn Malik für nicht glaubwürdig.

„Das ist ein Hammer!“, findet Offizialatsrat Winter. „Es kann doch nicht sein, dass ein deutsches Gericht einen Flüchtling in ein Land schickt, in dem er schon zweimal auf der Straße leben musste. Das widerspricht ganz klar den europäischen Menschenrechtskonventionen! Die Justiz spricht von bedauerlichen Einzelfällen, sieht aber keine systemischen Fehler.“ Dabei, sagt Winter, könne Italien diese Flüchtlingsströme überhaupt nicht bewältigen. „Wie auch, wenn jede Woche tausende Afrikaner übers Meer kommen?“ Reiche Staaten wie Deutschland trügen viel geringere Lasten als ärmere Nationen. Doch so sei das europäische Recht. „Da wird sehenden Auges und vorsätzlich ganz offiziell in Kauf genommen, dass konkrete Menschenleben zerstört werden. Das ist Unrecht. Aber es geschieht gesetzeskonform. Gesetze, die solches hervorbringen, müssen geändert werden. Sie müssen den Menschen dienen, und zwar allen Beteiligten. Und die Schwächsten in diesem Zusammenhang müssen die stärkste Beachtung dabei finden!“, empört sich Bernd Winter.

Er hofft nun auf Öffentlichkeit und auf ähnliche Fälle, in denen Richter anders entschieden haben. Derzeit verhandelt der Europäische Menschengerichtshof über das Ersuch einer afghanischen Familie, die sich gegen die Abschiebung nach Italien wehrt. In wenigen Monaten wollen die Richter ihr Urteil fällen.

Doch Abduls Uhr tickt. Spätestens im Juni wird der Landkreis Vechta ihn aus seinem Bungalow in Spreda abholen lassen und in den Flieger nach Italien schicken.

Abdul Malik

  • wurde am 7.04.1987 in Ayasue, Elfenbeinküste, geboren
  • Mit 6 Monaten verlor er seine Eltern bei einem Unfall, seine Ziehmutter starb als er 8 Jahre war.
  • Über Zwischenstationen in Ghana und Burkina-Faso kam er mit 16 Jahren schließlich nach Libyen. Dort arbeitete er bis zum Ausbruch der Unruhen als Maurer.
  • Mit dem Kampf der Rebellen gegen Diktator Muammar al-Gaddafi verschlechterte sich die Lage der afrikanischen Wanderarbeiter. Die libyschen Aufständischen hielten sie fälschlicherweise für Verbündete des verhassten Herrschers und machten Hatz auf Schwarzafrikaner. Zu Tausenden flohen sie in kleinen Booten über das Mittelmeer Richtung Europa. Unter ihnen war auch Abdul Malik.