So weit weg und doch so nah

Rießelmanns lösen Versprechen ein und besuchen „Patenkind“ Ahmed in der Schweiz

Als der schwarze Touran von Aarwangen Richtung Italien rollt, herrscht bedrückte Stille im Inneren des Autos. 60 Minuten lang hört man nichts, fast nichts, ab und an ein Schluchzen, ein Räuspern. Familie Rießelmann ist auf dem Weg in den Italienurlaub. Doch ihr Zwischenstopp in der Schweiz lässt alle Vorfreude auf die Auszeit erst einmal vergessen. Sie haben Ahmed besucht, Ahmed Abdulhalim Alfaki, der bis vor wenigen Monaten noch im Vechtaer Ortsteil Spreda-Langförden lebte.

 Ahmed ist Rießelmanns „Patenkind“, einer von sechs Flüchtlingen, die im Herbst 2013 in Langförden strandeten. Sechs Männer, ohne Deutschkenntnisse, allein auf sich gestellt in der Fremde, im Gepäck kaum mehr als Erinnerungen an Freunde, Familie und furchtbare Erlebnisse.
Mitglieder der Langfördener St.-Laurentius-Gemeinde erfahren von ihrem Schicksal, übernehmen Patenschaften und gründen kurzerhand die Flüchtlingshilfe Langförden. Sie kümmern sich von nun an um die Männer. Doreen und Ralf Rießelmann gehen seither ein und aus in der Flüchtlingsunterkunft am Rande von Spreda. Und Ahmed? Der lernt eifrig Deutsch, spürt Hoffnung, sehnt sich nach einer Zukunft mit seiner neuen „Familie“.
Doch es kommt anders. Ende Februar diesen Jahres schicken die deutschen Behörden den Sudanesen zurück ins schweizerische Bern. Gemäß dem Dublin-III-Abkommen zwischen der EU und der Schweiz sind die Nachbarn aus dem Süden für sein Asylgesuch zuständig, weil er hier nach einer Odyssee durch Griechenland, Mazedonien und Italien als Flüchtling registriert worden war.
Der Abschied tut weh, nicht nur Ahmed, auch den Rießelmanns. Ahmed ist mehr für sie als nur der hilfsbedürftige Flüchtling aus dem Sudan. Er ist ihr Freund geworden. Zum Abschied schenken sie ihm ein Handy, das Versprechen, Kontakt zu halten und die Zusage, ihn in der Schweiz so bald wie möglich zu besuchen.
„Das war anfangs alles andere als einfach“, erzählt Ralf Rießelmann. „Ahmed lebte in einem Bunker, ohne Tageslicht, ohne Privatsphäre, eingesperrt und bewacht von einem Sicherheitsdienst. Trotz des Wachpersonals war Gewalt und Diebstahl an der Tagesordnung.“ Ahmed habe mit seinen wenigen Habseligkeiten am Leib geschlafen. Trotzdem war eines Tages das Handy weg und damit der Kontakt nach Deutschland.
„Wir haben es immer und immer wieder versucht und uns ziemliche Sorgen gemacht. Wir wussten ja genau, in welchen Verhältnissen er lebt; von Ahmed selbst aber auch aus der Schweizer Presse“, erzählt Doreen Rießelmann. Eines Tages kommt dann eine SMS. Das Handy sei geklaut gewesen. „In mein Herz seid ihr mein Familie und ihr werdet immer bei mich bleiben“, lautet der Text der Nachricht.
Seither bekommen die Rießelmanns wieder regelmäßig Wasserstandsmeldungen aus Aarwangen. Sie hören, dass Ahmed inzwischen in einer anderen Unterkunft lebt, in einem winzigen Zimmer mit fünf anderen Flüchtlingen. Dass er versucht, mithilfe von Zeitungen weiterhin Deutsch zu lernen.
Auf dem Weg nach Italien wollen sie sich selbst ein Bild von Ahmeds Lage machen. Sie besuchen ihn in seinem neuen „Zuhause“. „Die Verhältnisse sind wirklich bescheiden, die Bäder eine Zumutung. Trotzdem ist Ahmed glücklich. Es geht ihm gut“, berichten die Rießelmanns.
Die Chancen dauerhaft in der Schweiz bleiben zu können, sind schlecht. Doch kann sich die Abschiebung hinziehen. Zu unsicher ist die Lage im Südsudan. Und Ahmed tut alles, um bleiben zu dürfen. Er nimmt Deutschunterricht – finanziert von seiner Patenfamilie –, versucht sich zu integrieren, hilft, wo er kann. „Sein Sozialarbeiter ist sehr zufrieden. Und das erhöht seine Chancen, nicht so schnell abgeschoben zu werden“, erzählt Ralf Rießelmann.
Zwei Tage lang haben er, seine Frau und die beiden Kinder Rosalie und Marius Ahmed besucht, haben ihm nicht nur den Deutschkurs organisiert, sondern auch ein Fahrrad, um zum Unterricht zu kommen.
Dann kommt der Abschied. Er ist so traurig wie im Frühjahr. Die Stunde Stille im Auto brauchen die Rießelmanns, um das Erlebte zu verarbeiten, Abstand zu bekommen, den Abschied zu verdauen. Trotz der Trauer darüber, Ahmed zurücklassen zu müssen, fahren sie mit einem ganz guten Gefühl. „Natürlich hätten wir ihn am liebsten mitgenommen, aber wir haben mit eigenen Augen gesehen, dass es Ahmed gut geht. Wir werden weiter immer für ihn da sein. Da können auch die 750 Kilometer nichts dran ändern!“, versprechen die Rießelmanns.